"Nürnberg darf noch mutiger werden"

Thomas May macht Verhältnis von Natur und Stadt sinnlich erfahrbar

Thomas, was ist für dich „echt Nürnberg“?

Das, was zwischen den Sandsteinquadern wächst. Nürnberg biedert sich nicht an, es ist spröde, ein bisschen brummig ... und genau darunter liegt das Weiche. Echt ist für mich nicht nur die Burg im Abendlicht, sondern auch die Fuge im Pflaster, in der sich ein Halm hochdrückt. Diese Stadt lässt sich nicht ganz versiegeln. Das gefällt mir an ihr.

Nürnberg in 3 Worten?

Sandstein. Wasser. Eigensinn.

Was zeigst Du in Nürnberg, wenn du Besuch bekommst?

Ich fange unten an, am Fluss: Kettensteg, Insel Schütt, dann flussabwärts, wo keiner mehr hinschaut. Danach Auf AEG ... diese Hallen sind ehrlicher als jede Sehenswürdigkeit. Und irgendwann landen wir doch am Zeppelinfeld, weil man dort begreift, wie viel Geschichte in einer Grasnarbe stecken kann.

Das beste Fotomotiv der Stadt:

Die Betonfugen auf dem Zeppelinfeld im Juli, wenn das Gras die Platten auseinandertreibt. Alle fotografieren die Tribüne von vorne. Ich fotografiere nach unten. Für die Postkarte: Kettensteg im Morgennebel, aber das ist fast zu schön.

 

Wo kann ich Kunst am Besten erleben?

Draußen. Kunst im öffentlichen Raum kostet nichts, hat nie geschlossen, und niemand erklärt dir, was du zu denken hast. Ansonsten: Kunsthaus, Kunstverein im Milchhof, Kunstbunker, die Räume vom „Kreis". Und Ateliers, wann immer sie offen sind — ein Atelierbesuch sagt mehr als zehn Vernissagen

Was machst du aktuell für ein Kunst Projekt?

Das GrashalmInstitut kartiert Nürnberger Brachen — jede Fläche, die zwischen Abriss und Neubau ein, zwei Sommer für sich hat. Halmproben, Fotos, Protokolle, Gespräche mit Anwohnern. Ein Archiv des Übergangs. Und ja, es gibt Formulare. Ein Institut braucht Formulare.

Kannst du das Gras tatsächlich wachsen hören?

Mit Kontaktmikrofon und viel Geduld hört man etwas: Knacken, Spannung, Zellwände. Ob das „Wachsen" ist, darüber streiten die Botaniker. Ehrlich gesagt ist die Frage aber die falsche. Interessant ist nicht, ob man es hören kann. Iinteressant ist, dass Leute anfangen, sich hinzulegen und zuzuhören. Das ist die eigentliche Arbeit.

 

In welchem Stadtteil hältst du dich am liebsten auf?

Gostenhof, aus Gewohnheit und wegen der Leute. Am liebsten bin ich aber gar nicht im Stadtteil, sondern im Grünstreifen dazwischen: Pegnitzgrund Richtung Westen, Wöhrder Wiese frühmorgens. Ränder sind spannender als Zentren.

Feines Essen, gute Getränke. Ein besonderer Anlass. Wo würdest du hingehen?

Wenn's wirklich ein Anlass ist: Essigbrätlein. Da wird mit Kräutern und Gemüse gedacht, nicht dekoriert — das ist mir nah. Für den zweiten Teil des Abends dann ein Kellerlokal mit Holztischen, wo einem das Bier nicht erklärt wird.

Es ist nicht alles perfekt in Nürnberg. Was würdest Du gerne verändern?

Weniger Asphalt! Die Stadt versiegelt sich zu Tode und wundert sich im August über die Hitze. Jeder Parkplatz weniger ist ein Stück Stadtklima. Und: bezahlbare Atelier- und Proberäume. Eine Stadt, die ihre Künstler rausrenoviert, hat in zehn Jahren nichts mehr zu zeigen.

Welches echte Nürnberg-Geschenk bringst du einer Freundin/Freund aus der Stadt mit?

Lebkuchen. Aber von einer kleinen Bäckerei, nicht aus der Blechdose. Und dazu, ganz im Ernst, einen gepressten Grashalm mit Fundort und Datum. Kostet nichts, kann keiner nachkaufen, und der Beschenkte weiß hinterher genau, an welcher Stelle dieser Stadt er gewesen ist.

Thomas May

Thomas May, 1971 in Amberg geboren, zählt zu den eigenwilligsten Stimmen der Nürnberger Kunstszene. Von 1992 bis 2000 studierte er an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg bei Professor Reuter und schloss als Meisterschüler im Bereich „Kunst im öffentlichen Raum" ab. Einen Aufenthalt an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe (1997–1998) nutzte er, um sich in der Medienkunst zu vertiefen. Seit 2000 ist er Mitglied der traditionsreichen Künstlergruppe „der Kreis" und wurde unter anderem mit dem Debütantenpreis des Bayerischen Staatsministeriums ausgezeichnet. Lehraufträge und Residenzen führten ihn an Hochschulen in Finnland und Japan sowie zu Projekten nach China, Korea, in die Ukraine und in zahlreiche weitere Länder. 2004 gründete May das „GrashalmInstitut" — ein nomadisches, partizipatives Kunstprojekt, das dem Phänomen Gras als Kulturträger nachspürt. Mit Interventionen, Feldversuchen, Vorträgen und Installationen untersucht er die Wechselbeziehung zwischen Mensch und Halm — mal augenzwinkernd, mal im wissenschaftlichen Rahmen.

Für die Ausstellung INSELKUNST setzte er 2025 seine Installation „Foggy Flying Island" mitten auf die Pegnitz: eine schwebende Insel aus Eisen, Gras und Nebel. Ein automatisiertes Nebelsystem ließ sie geheimnisvoll über dem Fluss treiben — Kunst im öffentlichen Raum, frei zugänglich rund um die Uhr.

So bleibt Thomas May, was ihn ausmacht: einer, der das Unscheinbare ernst nimmt und die Stadt dabei zur Bühne macht.

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